Bildungsseminare digital – wie eine Ausnahmesituation verborgene Vorteile zu Tage fördert

Als uns der März 2020 mit einem Lockdown und einer plötzlichen Absage unserer Präsenzseminare konfrontierte, hatte niemand in unserem Team der Freiwilligendienste jemals ein digitales Seminarformat durchgeführt. Dies sollte sich im Laufe der Pandemie für alle von uns ändern. Wir machten uns auf den Weg und lernten digitale Lernplattformen kennen, machten Fortbildungen zu Themen wie Gruppendynamik im digitalen Raum, soziale Spiele digital gestalten und der ansprechenden Aufarbeitung der sonst recht tristen digitalen Umgebung.
Nach nunmehr einem Jahr Erfahrung mit digitalen Bildungsseminaren lässt sich insgesamt ein durchaus positiver Blick auf unsere Kraftanstrengung richten, auch im digitalen Raum qualitativ hochwertige Bildungsarbeit zu leisten. Die Vorteile liegen auf der Hand, die Hemmschwelle an einem Seminar teilzunehmen waren noch nie so niedrig. Computer, Smartphone oder Tablet an und schwubs ist man mittendrin. Kein langes Packen, keine Bauchschmerzen, weil man eine Woche mit wildfremden Menschen irgendwo in einer Jugendherberge verbringen muss, sondern Bildung in der Jogginghose im eigenen Zuhause. Viele von uns hatten in den letzten Jahren Freiwillige die sich genau dies gewünscht hätten, da sie es aus psychischen oder gesundheitlichen Gründen nicht gewährleisten konnten an einem Präsenzseminar teilzunehmen. Wenn wir als Bildungsträger also die digitale Infrastruktur mit zur Verfügung stellen, sollten Endgeräte nicht zur Verfügung stehen, können digitale Seminare einen durchaus inklusiven Charakter haben. Wir hatten noch nie so geringe Fehlzahlen bei Präsenzseminaren wie bei digitalen Seminaren.
Blicken wir doch ebenfalls mal mit unserem nachhaltigen Auge auf digitale Seminare. Hierfür muss nicht jede einzelne Person durchs halbe Land fahren, eine Herberge angemietet und die Unterkunft und Verpflegung von bis zu 180 Menschen gleichzeitig koordiniert werden. Ebenso fällt ein beträchtlicher Materialaufwand flach und wir haben die Möglichkeit, hochkarätige Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und andere Fachleute aus der ganzen Welt ohne Reiseaufwand einfach mal so auf unseren Seminaren zu haben und dadurch wichtige Diskurse mit den Freiwilligen anzustoßen. Insgesamt ist der ökologische Fußabdruck von digitalen Seminaren trotz Serverauslastung also um einiges geringer und die Qualität der Inputs nimmt noch zu. Den Vorteil der Zeitersparnis sollten wir ebenfalls nicht aus dem Auge verlieren. Unsere Freiwilligen kommen aus ganz Rheinland-Pfalz und müssen stellenweise Anfahrten von bis zu drei Stunden zu Bildungstagen in Kauf nehmen. Gerade bei ein- oder zweitägigen Bildungsangeboten fällt dies erheblich ins Gewicht und hielt manche Jugendliche davon ab, an für sie interessanten Angeboten teilzunehmen.
Außerdem haben wir digitale Tools kennengelernt, die Seminarstrukturierung und Transparenz auch bei Präsenzseminaren um einiges vereinfachen und ein tolles Add-On für unsere Seminararbeit darstellen.

Bis jetzt haben wir Kunst- und Kulturseminare, Seminare mit pädagogischem Schwerpunkt und Seminare der politischen Bildung ins Digitale verfrachtet und mit kleinen kreativen Aktionen den Raum aufgelockert. Egal ob „Selfcare-Zeit“ bei der gemeinsam eine Höhle im eigenen Zuhause gebaut wurde oder einer kreativen Legoaktion, für die die Freiwilligen von uns Legofiguren geschickt bekamen und damit künstlerische Fotos mit spezieller Aufgabenstellung machen sollten. Wir hatten TAZ-Redakteurinnen, Uni Professoren, Künstler aus Amsterdam und Bildungsstätten aus Berlin am Start und konnten so die Bildungsarbeit mit ganz besonderen Menschen bereichern. Es wurden trotz digitaler Distanz gemeinsam Wurmkisten gebaut, Radioballette aufgeführt und hitzig über Rassismus in unserer Gesellschaft diskutiert.

Also vielleicht doch nicht alles schlecht an dieser digitalen Bildung. Die digitalen Bildungsangebote werden niemals den Charakter und Charme von Präsenzseminaren ersetzen, das ist vollkommen klar. Trotzdem gibt es Bereiche in denen sie total Sinn machen und auch nicht mehr wegzudenken sind. Gerade bei eintägigen Bildungstagen die nicht unbedingte Präsenz erfordern ist es gut weiter digital zu denken. Außerdem bietet der digitale Raum innerhalb der Gruppen eine zusätzliche Ebene des Austauschs, die wir denke ich in Zukunft zusätzlich zur Präsenz gut nutzen können um den Gruppenzusammenhalt noch besser zu stärken. Wir freuen uns alle bereits darauf wieder „ganz normale“ Seminare durchführen zu können in denen sich Jugendliche begegnen können. Ganz weggehen wird der kleine Crashkurs zu digitaler Bildungsarbeit, den uns Corona beschert hat, aber wohl doch nicht mehr in unserer Seminararbeit und das ist auch gut so.